Akinori Tao - "The/ Das Gift"
Konzept:
Kontextualisierung: Illegale Importe – zwischen Schönheit und Gefahr
Das deutsche Zollamt bearbeitet jährlich eine Vielzahl von Warenpositionen – im Jahr 2024 waren es allein über 595 Millionen. Darunter befinden sich auch sichergestellte Schmuggelwaren wie Zigaretten, Betäubungsmittel, Waffen sowie lebende und präparierte Pflanzen, Insekten und andere Tiere, die als Sammlerstücke oder Souvenirs illegal gehandelt werden.
Viele dieser präparierten oder lebenden Tiere und Pflanzen gelten als wertvolle Güter. Seltene Insekten wie Vogelfalter oder Mondschillerkäfer oder vom Aussterben bedrohte Orchideen wie die Phragmipedium kovachii üben auf Sammler*innen eine große Faszination aus. Dieser Handel birgt zugleich Risiken und Gefahren, da Insektenpräparate oder Tierhäute, die nicht fachgerecht chemisch behandelt wurden, Parasiten, Pilze oder Bakterien verbreiten können.
Das Zollamt ist ein Ort, an dem die vielschichtigen Dimensionen dieser Waren verhandelt werden: Was ist echt oder gefälscht? Was ist wertvoll oder unbedeutend? Was ist legal oder illegal? Was ist gefährlich oder ungefährlich?
Konzeptualisierung: Die Spuren des Unsichtbaren sichtbar machen
Mein künstlerisches Konzept für das Zollamt Soltau sieht vor, diese unsichtbaren und bürokratischen Vorgänge auf spielerische und poetische Weise sichtbar zu machen. Ich möchte dem öffentlichen Raum eine positive und überraschende Note verleihen und zugleich neue Perspektiven auf die dargestellten Themen eröffnen.
Im zentralen Warteraum des Zollamts Soltau plane ich, vier aus Bronze gegossene Bilderrahmen zu positionieren. Im Zentrum der Rahmen befinden sich Stecknadeln für museale Präparierungen, die die Konturen von Insekten und Pflanzen nachzeichnen, die sich wohl einst darin befanden. Beim Umschauen im Raum entdeckt man die zugehörigen „wiedererweckten“ Lebewesen sowie die zarte Orchidee, die am Rahmen emporrankt. Es eröffnen sich hier Parallelen zu den detaillierten Arbeitsprozessen der Zollmitarbeiter*innen, die hinter verschlossenen Türen hin und wieder etwas Außer-gewöhnliches entdecken.
Vielleicht fallen den wartenden Besucher*innen zunächst die schön glänzenden blauen Schmetter-linge und grünen Käfer auf – und erst danach richtet sich der Blick auf die Bilderrahmen, aus denen sie entwischt sind. Auch ein einzelner Frosch befindet sich unter den Ausreißern und warnt mit seiner rot schimmernden Lackierung die Besucher*innen vor seiner Giftigkeit.
Realisierung: Handarbeit und Zugänglichkeit
Die installierten Kunstwerke, sowohl die Bilderrahmen als auch die tierischen und pflanzlichen Skulpturen, werden allesamt im Bronzegussverfahren von einer erfahrenen Gießerei in Berlin hergestellt.
Jedes Werk basiert auf einem individuellen Wachsmodell, das von mir in meinem Studio handgefertigt wird. Dadurch wird den vier Rahmen ebenso wie den dargestellten Lebewesen und Pflanzen ein neuer Wert und eine besondere Langlebigkeit verliehen.
Im Wartebereich und in den Fluren des Zollamts Soltau werden die Lebewesen und Pflanzen so angeordnet, dass sie sich – wie zu ihren Lebzeiten – scheinbar frei im Raum bewegen können. Eine hoch-wertige Lackierung unterstützt diesen Eindruck, indem ihre einstige Lebendigkeit wieder erfahrbar gemacht wird. Je nach Blickwinkel der Besucher*innen und Mitarbeiter*innen verändern die Skulpturen ihre Farben – von Grün zu Silber-Gold, von Blau zu Lila, von Rot zu Gelb, von Weiß zu Perlmutt. Eine künstliche Mimikry natürlicher Gegebenheiten, wie sie etwa durch mikroskopisch kleine Strukturen der Chitin-Hüllen von Käfern entsteht, eröffnet sich den Betrachtenden und gestaltet die Wartezeit zu einer unterhaltsamen und anregenden Begegnung.
Um jeder Person Zugänglichkeit zu gewährleisten, orientiert sich der Entwurf der Bodenleisten an einer gängigen Methode aus Museen, beispielsweise dem Museum Ludwig. Bodenleisten schützen zum einen besonders schutzbedürftige Kunstwerke wie meine Installation und dienen zugleich der Orientierung für Menschen mit Sehbehinderungen und Sehbeeinträchtigungen. Die Funktion der Leisten unterstreicht zudem das Konzept meiner Arbeit, indem sie den Wert der vom Zoll kontrollierten Lebewesen definiert.
Fazit: Artenübergreifende Begegnungen
Das gesamte Kunstwerk lenkt den Fokus auf die Begegnung zwischen nicht-menschlichen und menschlichen Akteur*innen im Zoll. Die Tiere und Pflanzen, die normalerweise hinter verschlossenen Türen von Mitarbeiterinnen entdeckt werden, können nun im Warteraum wahrgenommen werden und bringen die Besucher*innen in eine nähere, spielerische Verbindung mit einem Ort, der eher mit bürokratischen und unsichtbaren Vorgängen assoziiert wird. Mit den zeitlosen Materialien und dem besonderen Farbspektrum erfüllt die Installation den architektonischen Raum mit einer spielerischen und sanften Atmosphäre, die lange in Erinnerung bleiben wird.
Beurteilung durch das Preisgericht:
Der Entwurf greift die Thematik des Artenschutzes als Teilaspekt der Arbeit des Zolls auf poetische Weise auf und verbindet diesen sehr überzeugend mit dem Thema des Suchens und Findens der aus den Rahmen „entflohenen“ Tiere und Pflanzen. Der für der Arbeit gewählte Titel ist hintergründig und amüsant.
Der Wartebereich und die angrenzenden Flure werden zu einer Wunderkammer mit Kostbarkeiten verwandelt. Durch die gezielt reduziert gesetzten Elemente entsteht zugleich Raum für eigenes Denken und freie Assoziation. Betrachtende wandern mit den Augen durch den Wartebereich und entdecken nach und
nach die einzelnen Elemente. Dies ermöglicht eine etappenweise Rezeption, die überrascht und im Kontrast zum Betrieb im Wartebereich steht. Reizvoll ist, dass die Objekte auch berührt werden können.
Der Entwurf ist ästhetisch anspruchsvoll und von hoher materialtechnischer Qualität. Die Bronzeleisten, die als Indikatoren für die Wandelemente wirken, sind auch unter dem Aspekt der Barrierefreiheit konzeptuell gut durchdacht und die Arbeit ist insgesamt handwerklich sorgfältig entwickelt. Als herausragend wird die Präsentation mit den eingereichten Materialproben beurteilt.
Dem Preisgericht hat sich nicht sofort erschlossen, dass die Bronzerahmen als offene Objekte geplant sind. Einzelne Jurymitglieder empfanden den Entwurf grundsätzlich als zu kleinteilig und befürchteten, dass sich die einzelnen Elemente im Raum verlieren. Um einem solchen Eindruck entgegenzuwirken, wäre eine leicht getönte Wandfarbigkeit zur deutlicheren Definition der Raumsituation denkbar, die in Abstimmung mit dem Entwurfsverfasser sowie den am Bau Beteiligten erfolgen könnte.