Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

David Hepp - "Ohne Titel"

Konzept:

Für die Gestaltung des Foyers im THW-Ausbildungszentrum ist vorgesehen, an der mittleren Wand zwischen den Eingängen zu den beiden Lehrsälen zwei identisch zerbrochene Spiegel zu installieren.

Diese Spiegel sind nur scheinbar zerbrochen. Tatsächlich sind es vergrößerte Nachbildungen der Scherben eines ursprünglich DIN A4-großen Spiegels, nun auf DIN A1 skaliert. Die Konturen sind präzise ausgeschliffen und die Kanten poliert. Die Anordnung der Scherben orientiert sich am ursprünglichen Bruchmuster, sodass Format und Form des ehemals ganzen Spiegels weiterhin erkennbar bleiben. Die beiden Spiegel-Scherbenbilder werden spiegelsymmetrisch zueinander montiert.

Die Montage der Bruchstücke erfolgt über Schraubhaken und blaue Dübel. Durch diese Befestigung behalten die einzelnen Scherben ihren Charakter als Objekt und Einzelteil. Die sichtbaren Schraubhaken vermitteln einen konstruktiven Eindruck, während die blauen Dübelkragen eine minimale farbliche Setzung im Gesamtbild bewirken.

Mit dem Motiv des „zerbrochenen Spiegels“ soll kein Unheil heraufbeschworen werden.
Die Form der gebrochenen Spiegelfläche verweist vielmehr auf ein Ereignis, ein Missgeschick oder einen Unfall – den Übergang einer geordneten Situation in einen chaotischen Zustand.

Ein Ereignis, ein Unheil, eine Katastrophe wird durch den Übergang von Ordnung zu Unordnung definiert und ist im Prinzip immer einzigartig. Durch das Zerbrechen des geordneten Ausgangszustands des Glases entsteht ein einmaliges Gebilde, sofern man den ursprünglichen Zustand als Ganzes im Blick behält. (Siehe hierzu auch die Referenzarbeit „post thing“ im Entwurfsplan.)

Im Zusammenhang der Ausbildungsstätte des THW ist das Reflektieren von Ereignissen, Unfällen und Katastrophen Voraussetzung für die Entwicklung von Maßnahmen. Die theoretische und praktische Ausbildung zielt darauf ab, Katastrophensituationen zu erkennen und gezielt eingreifen zu können Für das Einzigartige werden Routinen formuliert.

Auf dem Übungsgelände werden Ausnahmesituationen standardisiert und wiederholbar gemacht. Notlagen werden auf wesentliche Aspekte abstrahiert. Katastrophensituation trifft hier auf Arbeitsschutz, die Ruinen sind nach allen Regeln der Bau- und Betriebssicherheit gefertigt. Diese vereinfachten, abstrahierten Formen von Katastrophen ermöglichen dennoch echte Erkenntnisse für die dort Lernenden und vor allem wichtige Erfahrungen im Umgang mit Werkzeug und Material, sowie dem richtigen Verhalten in gefährlichen Situationen.

Die Suche nach adäquaten Formen der Übungen ist ein spezielles Anliegen des THW.
Dazu gehört das Skalieren von Situationen, denn ein einzelnes Ereignis kann auch durch seine schiere Ausdehnung zur Katastrophe werden. Der Katastrophenschutz muss seine Mittel stetig anpassen und in der Lage sein, seine Maßnahmen zu skalieren.

Die symmetrisch zerbrochenen Spiegel im Foyer des Ausbildungszentrums werden zu einer räumlichen Metapher für das Reflektieren und Skalieren von Ereignissen.

Reflexion und Realität, ästhetische Form und funktionale Bedeutung verbinden sich hier zu einem Bild, das auf die zentralen Anliegen dieses speziellen Lernorts des THW verweist.

Beurteilung durch das Preisgericht:

Der Wettbewerbsbeitrag von David Hepp besteht aus zwei zerbrochenen Spiegelfeldern in DIN A0-Format, deren Scherben im EG an der Hauptwand präsentiert werden sollen. Schon auf den ersten Blick vermittelt der zerbrochene Spiegel ein massives Schadensereignis und stellt darin eine erste Verbindung
zum Aufgabenfeld des THW her. Die Scherbenfragmente werden mit auffälliger Dübelhalterung so an der Wand befestigt, dass sie als echte Objekte erscheinen, die vor der Wand schweben. Bei genauerem Hinschauen stellt man fest, dass es sich bei den zwei gebrochenen Spiegelflächen um eine exakte spiegelbildliche Scherbenkonstellation handelt – und damit um eine faktische Unmöglichkeit: Dass zwei Scheiben jeweils exakt gleich brechen, ist schlichtweg nicht vorstellbar, jeder Bruch vollzieht sich in singulären Bruchstücken, so wie jede Katastrophe auf ihre eigene Art und Weise einzigartig und spezifisch ist.
David Hepp greift damit die Ausbildungssituation am Standort auf. In der Ausbildung sollen Einsatzkräfte auf Schadensfälle und Situationen vorbereitet werden, die zwar standardmäßig geübt werden, die in der Realität aber jedes Mal spezifisch, anders und in diesem Sinne nur bedingt oder manchmal gar nicht vorhersehbar stattfinden. Jede Ausbildung ist also nur eine Konstruktion, so wie die Scherbenflächen akribisch geschnitten und aufbereitet sind; in der Wirklichkeit ist dann jeder Schadensfall individuell. Weitere Aspekte kommen hinzu: Betrachtende werden Teil des Schadensereignisses, spiegeln sich in ihrer Person darin, leiden mit indem sie selbst fragmentiert und in den verschiedenen Flächenwinkeln bei der Anbringung auch verzerrt werden. Dennoch wirkt das Werk als Ganzes auch so abstrakt, dass es auch in seiner ästhetischen Wirkung mit einer gewissen emotionalen Distanz wahrgenommen werden kann.
Die Jury hat sich mit großer Mehrheit für diese Arbeit als Wettbewerbssieger entschieden.

David Hepp

Collage: BImA; Visualisierung: David Hepp