Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

Götz Lemberg - "Flussgut"

Konzept:

Der Ort / Die Idee

Die Dienststelle Klingewalde ist kein gewöhnlicher Ort. Da aufgrund der Sicherheitsstufe kaum regulärer Publikumsverkehr stattfindet, richtet sich die Kunst am Bau an ein spezifisches Gegenüber: die dort tätigen Beamtinnen und Beamten.

Deren tägliche Arbeit erfordert einen geschulten, analytischen Blick. Meine Arbeit wählt einen freien, assoziativen Zugang, der genau diese Beobachtungsgabe und Kombinationsfähigkeit anspricht.

Die Skulptur spielt mit den elementaren Themen des Zolls: Grenze und Kontrolle, Transparenz und Täuschung, Durchlässigkeit und Barriere. Was auf den ersten Blick wie reine Abstraktion wirkt, entpuppt sich als vielschichtiges Vexierspiel und entfaltet bei genauerer Betrachtung verschiedene Bedeutungsebenen.

Die Arbeit möchte gewohnte Sichtweisen hinterfragen und die oft rigide Vorstellung vom Zoll als reiner Wächterinstanz subtil erweitern. „Flussgut“ ist mehr als ein bloßes Objekt – es ist ein visueller Resonanzraum. Zudem verortet sie die Arbeit der Zolldienststelle lokal.


Die Arbeit
Vom Zugangstor aus betrachtet, markiert eine ungewöhnlich große, blau getönte Glasfläche den Vorplatz der Zolldienststelle. Farbe und Form sind eine bewusste Reminiszenz an das offizielle Signet des Zolls. Doch diese vermeintliche Eindeutigkeit ist eine Illusion.

Sobald der Betrachter seinen Standort wechselt, bricht die Form auf und eine visuelle Reise beginnt. Aus der einen Fläche werden plötzlich zwei freistehende Glasstelen. Die Trennlinie zwischen ihnen ist nicht scharf oder künstlich geschnitten, sondern organisch und fließend: Sie zeichnet den Uferverlauf auf beiden Seiten der Grenze im Abschnitt der Dienststelle nach. Durch die Bewegung im Raum schließt und öffnet sich die Skulptur – und damit sinnbildlich die Grenze – je nach Perspektive des Betrachters.

Obwohl das Material Glas per Definition transparent ist, wird es hier zum Medium der Täuschung: Spiegelungen verrücken den Raum und suggerieren Präsenzen, wo keine sind. Überlagerungen der Glasstelen verdichten das Blau bis zur völligen Undurchsichtigkeit, während andere Passagen den Blick plötzlich freigeben.

Die Skulptur verändert sich mit dem Umfeld: Je nach Lichteinfall und Sonnenstand wandern farbige Schatten über den Vorplatz.
Das Kunstwerk tritt in Hinblick auf seine Farbe, Gestalt und Material in einen lebendigen Dialog mit der Architektur und fügt dem Gelände nicht nur eine völlig neue, überraschende Dynamik hinzu, sondern erhöht auch die Aufenthaltsqualität.


Fazit
„Flussgut“ fungiert als starkes, identitätsstiftendes Signet nach innen und außen. 

Die Skulptur macht die fundamentale Ambiguität der Zollgrenzkontrolle greifbar: Sie trennt und sie verbindet.

Die beiden Glasstelen stehen in einer komplexen räumlichen Beziehung zueinander, untrennbar verbunden durch den „Fluss“ zwischen ihnen.

Die Skulptur versinnbildlicht, dass offene Grenzen nur durch die regulierende Arbeit des Zolls existieren können. Dieses Spannungsfeld aus Transparenz und Undurchsichtigkeit, aus Offenheit und Geschlossenheit macht die Skulptur sichtbar.

Beurteilung durch das Preisgericht:

Die identitätsstiftende Idee des Beitrags wird positiv bewertet. Die Arbeit wirkt elegant und leicht und ist insbesondere von außen gut wahrnehmbar, es gibt kein vorne oder hinten. Sie lädt zum Entdecken ein und lässt Raum für unterschiedliche Interpretationen. Die Doppeldeutigkeit von Fluss und Warenfluss wird als besonders gelungen wahrgenommen. Auch ohne erklärenden Kontext besitzt die Arbeit eine eigenständige ästhetische Qualität. Die Dimensionierung wird als gut eingeschätzt; Offenheit und Schwerelosigkeit prägen die Wirkung des Beitrags.

Das Motiv der Grenze wird hingegen als eher beliebig beurteilt. Eine Materialprobe wäre für die Beurteilung der vorgesehenen Materialität wünschenswert gewesen. Zudem stellt sich die Frage, ob die Wahrnehmung der Flussgrenze durch die gewählte Positionierung tatsächlich nachvollziehbar wird.

Götz Lemberg

Visualisierung: Götz Lemberg