Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

Nadia Kaabi-Linke - "Das Gespräch verbindet "

Konzept:

Die Wandarbeit verwandelt Fingerabdrücke in eine monumentale, miteinander verwobene Landschaftstextur, die sich an ausgewählten Orten über die Architektur des Hauses entfaltet. Am Anfang des Entwurfs standen dieses Haus und die dort geleistete Arbeit Pate: das Ankommen, das Zuhören, das Entscheiden — kurzum: die Gespräche, über die sich für Antragsteller*innen der Moment der Aufnahme und für die Mitarbeitenden der behördliche Alltag strukturieren.

Der Fingerabdruck ist eine der intimsten Spuren des menschlichen Daseins. Er ist Ausdruck der Einzigartigkeit und Unaustauschbarkeit eines jeden Menschen und wird seitens der Registrierungsstelle als Identifikationsmerkmal sinnfällig eingesetzt. Die künstlerische Arbeit will bewusst über diese pragmatische Nutzung hinausweisen und an die allen gemeinsame Menschlichkeit erinnern, die durch den Vollzug persönlicher Gespräche das tragende Element der sachlichen Verwaltungsakte darstellt. Wir wollen den Fingerabdruck als visuell und haptisch erfahrbares Sinnbild für die Einzigartigkeit und Würde jedes einzelnen Menschen begreifen und daran erinnern, dass jede Aktennummer auf ein für die Gemeinschaft unerschöpfliches Potenzial verweist.

Aus jedem Abdruck wachsen Linien, die über seine Grenzen hinausreichen, sich mit anderen verflechten und verbinden. Sie sind die Gesprächsfäden, die im Haus geknüpft werden, denn es ist das Gespräch, das die Menschen zusammenführt und verbindet. Was als Ansammlung einzelner Identitäten beginnt, fügt sich nach und nach zu einem größeren Geflecht zusammen: Wie die Fäden eines Gewebes behält jede Linie ihre Eigenheit und trägt zugleich zum gemeinsamen Ganzen bei. Das Motiv ist einfach: Das Gespräch verbindet.

In den daraus entstehenden Gebilden deuten die Gesprächslinien und Windungen auf Erzählungen von Lebenswegen hin, die sich nicht auf einen Vorgang oder einen rechtlichen Status reduzieren lassen. Ins Architektonische vergrößert, werden diese feinen Spuren dann zu symbolischen Landschaften menschlicher Erfahrungen, über die man sich an diesem Ort gemeinsam austauscht und die in ihrer Besonderheit wertgeschätzt und berücksichtigt werden. Diese Landschaftsignaturen mit ihren einzigartigen, wirbelartigen Fingerabdrücken und den daraus organisch hervorgehenden Verbindungslinien erinnern daran, dass in den Räumen und Gängen der Aufnahmestelle Gespräche geführt werden, die zu einem späteren Zeitpunkt wie neue Fäden erscheinen werden, die hier ins Gewebe der Gemeinschaft geknüpft wurden.

Mancherorts wird der Abdruck selbst zum Flusslauf. Seine Linien weiten sich, verzweigen sich und fließen wieder zusammen; sie durchziehen den Raum als ein lebendiges Netz von Wegen, das auch Entferntes miteinander verbindet. Die Natur folgt keinen geraden Linien. Flüsse mäandern, Wurzeln verzweigen sich, Winde kreisen und beschreiben ähnliche Vektoren wie die Papillarlinien eines Fingerabdrucks. So ergänzen die fließenden Formen die strenge, rechtwinklige Geometrie des Gebäudes um einen sanft und organisch wirkenden Kontrapunkt.

Die Arbeit ist ausschließlich in Schwarz, Weiß und Grautönen gehalten, die sich gegebenenfalls von ruhigen Wandfarben abheben. Diese Farbgebung haben wir bewusst aus dem nüchternen, oft klischeehaften Erscheinungsbild einer Behörde heraus entwickelt und ins Gegenteil gewendet. Wo äußere Merkmale in der Geschichte immer wieder benutzt wurden, um Menschen zu trennen, wollen wir die monochrome Reduktion hier in umgekehrter Weise einsetzen, um ein Zeichen der allen Differenzen zugrunde liegenden Einheit und des menschlichen Zusammenhalts zu setzen. Der Verzicht auf unterschiedliche Farben lenkt den Blick auf das, was wir unter der Oberfläche teilen. Menschlichkeit hat keinen bestimmten Ort. Sei es in einem Gemeindezentrum oder in einer Verwaltungsbehörde — sie entsteht immer dort, wo Menschen einander zuhören.

Im Laufe der Konzeption und Ausarbeitung des finalen Kunstwerks legen wir Wert darauf, die in der Behörde ablaufenden Prozesse zu begleiten. Optional möchten wir ein partizipatives Element einbauen und Mitarbeiter sowie Besucher des Hauses auf freiwilliger Basis als Teilnehmer und Beitragende der in der Umsetzung berücksichtigten grafischen Elemente einbeziehen.

An einem Ort, der von Übergang, Ankunft und Neubeginn geprägt ist, wird die Arbeit zu einer leisen Erinnerung daran: dass hinter jedem Vorgang Menschen stehen, dass jedes Gespräch verbindet und dass jede Spur, die ein Leben hinterlässt, ihren ganz besonderen Wert in sich trägt.

Beurteilung durch das Gremium:

Der Entwurf überzeugt durch die Poesie des Fingerabdrucks und die von der Künstlerin angebotene Variabilität der Vorschläge der einzelnen Orte. Die entwickelten Naturreminiszenzen, die an die geologischen Schichten erinnern, die Flüsse und Berge. Für Nadia Kaabi-Linke ist der Fingerabdruck als eine der intimsten Spuren des menschlichen Daseins, der Ausgangspunkt ihres Entwurfes. Er ist ein Ausdruck der Einzigartigkeit und Unaustauschbarkeit eines jeden Menschen und wird seitens der Registrierungsstelle als Identifikationsmerkmal sinnfällig eingesetzt. Die von Kaabi-Linke vorgeschlagene Wandarbeit nutzt Fingerabdrücke als zentrales Motiv und verwandelt sie in großformatige, miteinander verbundene Landschaftsstrukturen innerhalb des Gebäudes. Ausgangspunkt sind die Gespräche zwischen den Entscheidern und Antragstellern, die den Alltag der Aufnahmestelle prägen. Der Fingerabdruck steht dabei nicht nur für Identifikation, sondern vor allem für die Einzigartigkeit, Würde und das Potenzial jedes Menschen. Aus den einzelnen Abdrücken entwickeln sich Linien, die sich miteinander verweben und symbolisch die Gespräche und Verbindungen darstellen, die im Haus entstehen. So entsteht ein Bild von Gemeinschaft, in der individuelle Identitäten erhalten bleiben und zugleich Teil eines größeren Ganzen werden. Die organischen Formen erinnern an Flüsse, Wurzeln oder natürliche Landschaften und bilden einen bewussten Kontrast zur strengen Architektur des Gebäudes. Die Gestaltung in Schwarz-, Weiß- und Grautönen betont die gemeinsame Menschlichkeit jenseits äußerer Unterschiede und setzt ein Zeichen für Zusammenhalt und gegenseitiges Zuhören. Diese organischen, fließenden Formen brechen die klare, strukturierte und geregelte Welt eines Amtes mit seinen Vorschriften, Verordnungen, Erlassen und stehen hier in einem Kontrast zu den „eckigen, starren Dokumenten“ und damit dem Sprachohr einer Behörde. Die bewusste Reduzierung der Farbigkeit gegenüber der Entwurfsidee der ersten Phase des Wettbewerbes gibt die Farbigkeit der Behörde wieder: Schwarz-Weiß, die hier durch die Kunst gebrochen wird. Der Entwurf sieht sowohl malerische als auch Reliefstrukturen für unterschiedliche Orte vor. Optional soll ein partizipativer Ansatz Mitarbeitende und Besucher in die Gestaltung einbeziehen. Insgesamt versteht sich die Arbeit als stille Erinnerung daran, dass hinter jedem Verwaltungsverfahren Menschen mit individuellen Lebensgeschichten stehen und dass jedes Gespräch Verbindungen schafft.

Die Arbeit orientiert sich an der Architektur des Hauses und wird als malerische Intervention auf glatten Wandflächen umgesetzt. Schwarze Linien und weiße Flächen bilden freie, von Fingerabdrücken inspirierte Zeichnungen, die sich von der jeweiligen Wandfarbe abheben. In den Treppenhäusern wird die Gestaltung in den Sichtbeton integriert. Die Reliefplatten werden extern gefertigt und anschließend montiert. Die Wirkung entsteht ausschließlich durch die plastische Struktur sowie das Zusammenspiel von Licht und Schatten; eine zusätzliche Beleuchtung ist nicht vorgesehen, kann jedoch optional ergänzt werden.

Die Herangehensweise von Kaabi-Linke, der künstlerische Ansatz und die Konsequenz der Ideenfortentwicklung gegenüber der ersten Phase des Wettbewerbes wurden von dem Projekt besonders gewürdigt. Die organische Interpretation des Fingerabdrucks überzeugte alle Beteiligten. Besonders hervorzuheben ist die Idee des Reliefs in den Treppenhäusern, die die Motivik zwar aufgreift, diese jedoch in einem anderen Medium umsetzt. Ein Verlieren in Gedanken und den organischen Formen, die Licht und Schattenspiele der Relieffugen machen den Entwurf immer wieder lebendig und unendlich in der Wahrnehmung. Neben den offerierten Varianten für die Besetzung der einzelnen Räume, der zwei Medien Malerei und Relief, war dies das Auschlaggebende für die Entscheidung der Projektbeteiligten, den Entwurf von Nadia Kaabi-Linke zu realisieren.

Nadia Kaabi-Linke BAMF

Collage: BImA; Visualisierung: Nadia Kaabi-Linke