Nora Lube - "Durchdringung - Sichtbarmachung des Verborgenen"
Konzept:
Für den Wartebereich im Erdgeschoss des Neubaus für das Zollamt in Soltau, sollen Röntgenaufnahmen von Pflanzen aus der unmittelbaren Umgebung des Zollamts als Motiv für drei Jacquardgewebe aus recyceltem Polyestergarn aus 100% ozeangebundenem Kunststoff umgesetzt werden.
Diese sollen anschließend im Querformat an drei Wänden des Wartebereichs in LED-Leuchtkästen mit Edelstahlrahmen installiert werden.
INHALTLICHES KONZEPT
Durchdringung - Sichtbarmachung des Verborgenen
Das Röntgen als bildgebendes Verfahren nimmt Bezug auf das Sichtbarmachen des Verborgenen, das in der Arbeit des Zolls eine zentrale Rolle einnimmt. Die Wahl des organischen Motivs, der Pflanzen aus der direkten Umgebung des Zollamts, weist zudem auf den Grundsatz des Zolls hin, Arten zu schützen und sich so für bedrohte Ökosysteme einzusetzen.
Die Röntgenaufnahmen der Pflanzen schaffen einen Moment der körperlichen Verbindung und Sensibilisierung für die natürliche Umgebung des Zollamts. Das Garnmaterial aus Meeresplastik weist zudem auf ein globales ökologisches Problem hin. Das Zusammenspiel von globalen und lokalen Kreisläufen greift wieder die Arbeit des Zollamts in Soltau auf, das genau an der Schnittstelle zwischen internationalem Warenverkehr und regionaler Weiterverarbeitung agiert.
Der Zoll steht symbolisch für Übergänge, zwischen Räumen und Systemen, Innen und Außen. Vieles, was diesen Ort passiert, ist verdeckt. Aufgabe des Zolls ist es, zu erkennen, was sich hinter diesen verpackten Oberflächen verbirgt. Hier tritt im vorliegenden Entwurf die Röntgentechnik als metaphorisches Medium auf.
Die Röntgentechnik durchdringt Materie und macht sichtbar, was dem normalen Auge verborgen bleibt. Die thematische Verbindung zwischen meiner Motiverstellung und dem Standort ergibt sich also im Zusammenspiel von Enthüllen und Bewahren, dem Durchdringen und Hinterfragen der äußeren Form.
Die Präsentation an den Wänden der Wartehalle in LED-Leuchtkästen mit Edelstahlrahmen orientiert sich an medizinischen Leuchtkästen und unterstreicht die Thematik des Durchleuchtens. Zudem sorgen die Leuchtkästen für eine zusätzliche aber energiesparende Lichtquelle im Wartebereich. Neben der ästhetischen Komponente, die dem Wartebereich ein ruhiges und einladendes Ambiente verleihen soll, das mit den organischen Motiven und dezenten Farbverläufen die Aufenthaltsqualität steigert, bietet das Werk inhaltlich Identifikationsmomente für Besuchende und Mitarbeitende.
REALISIERUNG
Drei Wandarbeiten werden als Jacquardgewebe mit dem Motiv von geröntgten Pflanzen aus der Umgebung des Zollamts umgesetzt. Im Folgenden sind die einzelnen Schritte zur Realisierung aufgeführt. Im Falle des Auftrags werden, um einen direkten Ortsbezug herzustellen, zuerst Pflanzen aus der direkten Umgebung des Zollamts und der Lüneburger Heide gesammelt, wie z.B. Birkenäste, Weidenkätzchen und Wacholder.
Im nächsten Schritt werden diese Pflanzen unter einem Röntgengerät aufgenommen. Die Möglichkeit hierzu schafft der Kontakt zu einer Ärztin, die ihr Equipment bereits für den Entwurf zur Verfügung gestellt hat.
Die entstandenen Bilder werden im Weiteren bearbeitet. Sie müssen im Querformat angeordnet in dezente Farbverläufe in Blau-, Rot- und Gelbtönen umgewandelt werden. Anschließend werden sie als indizierte Bilddateien zur Erstellung der Webdatei an den Textildesigner Jos Klarenbeek weitergegeben. Er erstellt die Webdatei und übernimmt die fachliche Kommunikation mit dem schweizer Textilhersteller TISCA.
Für ein nachhaltiges Materialkonzept sollen für das Jacquardgewebe Garne verwendet werden, die aus recycletem Meeresplastik hergestellt sind (bspw. hier zu sehen: www.tide.earth). Die Garne werden seperat bestellt und dann an die Firma TISCA übergeben, die diese in ihre Jaquardwebstühle einfädelt. Dort werden die Motive in 140 cm Höhe (entspricht der Breite des Webstuhls) und in den jeweiligen Längen gewebt. Das Endprodukt ist also eine Fotografie die nicht gedruckt, sondern mit einzelnen farbigen Garnen zu einem Bild verwebt wird. Das Weben als jahrtausende alte Praxis steht im Gegensatz zur modernen Röntgentechnik und eröffnet einen spannenden Kontrest zwischen historischer und moderner Technik.
Die Farbauswahl für die Garne der 3 Gewebe orientiert sich an den drei Grundfarben im Stil des Bauhaus. Die Idee dahinter ist, die Gestaltung auf das Wesentliche zu reduzieren und in der farblichen Gegenüberstellung den Raum dynamisch wirken zu lassen. Gleichzeitig strahlt der dezente Verlauf vom hellen Pastell zur volleren, intensiveren Farbe eine beruhigende Atmosphäre aus.
Visualisierung: Nora Lube