Seraphina Lenz - "Silbern eingeschrieben"
Konzept
Ausgangspunkt
Im Februar 2026 war ich im Standort des BAMF in Bramsche und habe dort einen Tag lang die Arbeitsabläufe begleitet. Von der Aktenanlage bis zu den Anhörungen habe ich beobachten dürfen, wie Gespräche geführt werden. Es sind immer drei Personen beteiligt: der Entscheider, der Sprachmittler und der Antragsteller. Mitarbeitende berichteten, dass keine Anhörung der anderen gleicht, es gibt kein Schema F, Dauer und Verlauf sind nicht planbar. Manchmal reichen drei Stunden, manchmal erstreckt sich der Vortrag der Fluchtgeschichte über mehrere Tage. Aus der Perspektive des Entscheiders bedeutet das, über lange Zeiträume konzentriert bei der Sache zu sein, fair, präzise und verantwortungsvoll nach dem vorgegebenen Regelwerk zu prüfen und gleichzeitig mit oftmals schweren Schicksalen und Lebenswegen konfrontiert zu werden. Die Beobachtung dieses zentralen und komplexen Verfahrens im BAMF ist Ausgangspunkt für die Entwicklung meines künstlerischen Konzepts.
Verortung
Der geplante Neubau des Ankunftszentrums in Bramsche bietet eine klar geordnete Struktur. Es gibt einen öffentlichen Bereich für das Ankommen und die Wartebereiche der Antragstellenden sowie einen internen Arbeitsbereich der Mitarbeitenden mit eigenem Zugang. Beide Bereiche grenzen im Erdgeschoss an einer gemeinsamen Wand aneinander. Diese stellt eine durchlässige Schwelle dar, die jedoch von außen nie ohne Begleitung durch Mitarbeitende überschritten wird. Der innenliegende Flur entlang dieser Wand ist der Ort, den alle Beteiligten durchqueren. Diese gemeinsame Achse beidseitig der Wand ist der räumliche Bezug meines Entwurfs.
Konzept
Die künstlerische Arbeit setzt auf eine abstrakte Zeichensprache, die sich in die Architektur des Gebäudes einschreibt. Ein System aus einer Horizontalen, einer Serie von linearen Elementen (Dreischwünge) und einem vertikalen Raster entfaltet sich auf beiden Seiten jener Wand, die den öffentlichen vom internen Bereich trennt. Als hauptsächliches Material habe ich Aluminium gewählt, ein Metall, dessen silberner weicher Glanz mit dem Raumlicht spielt und innerhalb der Architektur gezielt Akzente setzt.
Umsetzung
Horizontale Auf der öffentlichen Seite, der Seite der Warteräume, verläuft knapp unterhalb der Oberkante der gesamten Wand eine 50 Zentimeter breite Horizontale aus 1.500 handgelegten, hauchdünnen Aluminium-Schlagmetallquadraten durch alle Räume. Die Spur dieser handwerklicher Arbeit ist durch die feine Quadratstruktur sichtbar und macht die in ihr gebundene Zeit erfahrbar. Bereits von außen ist sie durch die Fenster sichtbar. Je nach Lichteinfall erscheint sie leuchtend oder matt oder, bisweilen tritt sie fast ganz zurück. Die Horizontale selbst ist einer handgezogenen Linie nachgebildet, deren leichte Abweichungen von der Geraden die Geometrie der Architektur subtil kontrastieren.
Dreischwünge Auf der internen Seite erscheint eine Serie lineare Wandobjekte, so genannte Dreischwünge, aus poliertem und eloxiertem Aluminium. Sie entstehen aus einem zeichnerischen Prozess, der die Gesprächssituation der Anhörungen zwischen Antragsteller, Sprachmittler und Entscheider in Linien übersetzt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich innerhalb der Anhörungen unterschiedliche Rhythmen des Fragens, Erzählens und Übersetzens entstehen und die Sprecherrolle immer wieder wechselt. Die eigens für Bramsche entwickelte Serie folgt einer einfachen Regel: Jeder Dreischwung besteht aus drei Linienzügen. Innerhalb dieser festen Setzung entstehen individuelle Formen als Variationen der Elemente eines Systems.
Raster Die Stelen des architektonischen Tragwerks werden im Rohbau vollständig mit silberner Lasur (Keim-Farben) gefasst. Sie machen das Raster Seiten der Wand sichtbar hervorragen. Die silbern gefassten Stelen bilden eine vertikale Struktur, zwischen denen auf der einen Seite die Dreischwünge und auf der anderen Seite die Horizontale mit ihrer ruhigen Präsenz erscheinen.
Das Zeichensystem
Horizontale, Vertikale und Dreischwünge bilden ein Zeichensystem. Die Horizontale markiert ein Kontinuum. Die Stelen bilden eine vertikale Struktur und die Dreischwünge zeigen Bewegung als Wiederholung und Differenz. Die Arbeit übersetzt auf abstrakte Weise die Verbindung von Regelhaftigkeit und Abweichung in eine räumliche Form.
Beurteilung durch das Gremium:
Der Entwurf von Seraphina Lenz beeindruckt durch seine Zartheit der Beiläufigkeit und stellt ein subtiles Angebot für die Gestaltung des für das neue Verwaltungsgebäude des BAMF in Bramsche.
Inhaltlich setzt sich die Künstlerin mit dem Arbeitsalltag des BAMF in Bramsche auseinander. Sie macht das Unsichtbare sichtbar: Das Gespräch zwischen dem Entscheider und dem Antragsteller unter der Beteiligung eines Sprachmittlers. Kein Gespräch gleicht dem anderem. Inhalt, Dauer, Intensität und Verlauf sind stets verschieden, so wie der einzelne Mensch/Antragsteller und sein Schicksal.
Von den Entscheidern auf der Seite des BAMF erfordert dieses Gespräch eine Konzentriertheit über zum Teil sehr lange Zeiträume. Sie werden mit teilweise schweren Schicksalen und Lebenswegen konfrontiert, bleiben dabei fair, präzise und verantwortungsvoll und sind verpflichtet, das Gehörte nach dem vorgegebenen Regelwerk zu prüfen und zu entscheiden. Die Sprachmittler sind die Übersetzer der Worte und des Erlebten. Die Atmosphäre benötigt keine Sprachmittler. Die Stunden oder Tage, die das Gespräch über die Fluchtgeschichte und das Erlebte dauert, sowie die Intensität und die Stimmung hat die Künstlerin zum Ausganspunkt ihres künstlerischen Ansatzes gewählt. Die Parameter dieser Gespräche - die drei Beteiligten - bilden eine Einheit.
Dabei geht Lenz äußerst behutsam und nahezu komplentativ mit der Individualität dieser Einheit um. All dies wurde in die Zeichnung, in einen kaligraphischen Moment, transformiert. Das Unsichtbare wird in eine Zeichnung und anschließend in ein Material übersetzt. Diese hier geführten Gespräche, von Lenz Dreischwünge getauft, bleiben ebenfalls individuell und prägen die Wände des neuen Verwaltungsgebäudes des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Lenz schlägt auf der öffentlichen Seite, der Seite der Warteräume, durch eine Horizontale, die knapp unterhalb der Oberkante der gesamten Wand eine 50cm breite aus 1.500 handgelegten, hauchdünnen Aluminium-Schlagmetallquadraten durch alle Räume verläuft, vor. Ergänzt wird dieses Konzept durch ein mit einer silbernen Lasur (Keim-Farben) gefasstes Raster an dem Tragwerk. Die so silbern gefassten Stelen bilden eine vertikale Struktur, zwischen denen auf der einen Seite die Dreischwünge und auf der anderen Seite die Horizontale mit ihrer ruhigen Präsenz erscheinen.
Die abstrakte Zeichensprache, die sich in die Architektur des Gebäudes einschreibt, bleibt dabei in ihrer Intensität flexibel. Die Künstlerin bietet ein dreiteiliges System aus einer Horizontalen, einer Serie von linearen Elementen (Dreischwünge) und einem vertikalen Raster auf beiden Seiten der Wand, die den öffentlichen vom internen Bereich trennt. Für die aus den Zeichnungen und Malereien umgesetzten Dreischwünge wurde als Material das nachhaltige Aluminium gewählt. Ein Metall, dessen silberner weicher Glanz mit dem Raumlicht spielt und innerhalb der Architektur gezielt Akzente setzt.Der Entwurf und die Herangehensweise, der Bezug zum Ort und dem Alltag des Ortes wurden von den Projektmitgliedern in Verlaufe der Diskussion besonders gewürdigt. Die hohe künstlerische Qualität der gesamten Präsentation, der Zeichnungen, das Modell und die Materialproben wurden positiv gewürdigt. Insbesondere die intensive Variabilität der Dreischwünge fand eine große Anerkennung. Die eventuell ggf. leicht dekorative Anmutung dieses Elementes, wurde diskutiert, jedoch an dem Ort nicht als störend empfunden.
Der Entwurf wurde als sehr subtil, sensibel und leise, nahezu zart gelesen.
Am Ende war es jedoch das dreiteilige System des Entwurfs aus einer Horizontalen, den Dreischwünge und einem vertikalen Raster, welches das Projekt in ihrer Gesamtheit nicht final überzeugte und für die Entscheidung gegen die Realisierung dieses Entwurfes auschlaggebend war.
Collage: BImA; Visualisierung: Seraphina Lenz