Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

Shannon Bool - "Flüsterbänke / 22 Füße"

Beurteilung durch das Preisgericht:

Der Vorschlag „Flüsterbänke“ besteht aus zwei geschwungenen, aus Saalburger Rotmarmor gefertigten Bänken, die mit Gravuren versehen sind. Diese greifen ein umfangreiches Archiv historischer, in Stein geritzter Graffiti, Zeichen und Symbole aus Deutschland auf. Grundlage sind Forschungen in Zusammenarbeit mit Archäologinnen und Historikerinnen. Zusammengeführt werden dabei „Inschriften von mittelalterlichen Graffiti und antiken Piktogrammen bis hin zu Botschaften von Widerstandsgefangenen“ wie die Graffiti der von der Gestapo inhaftierten Edelweißpiraten.

Skulptur und Sitzgelegenheit zugleich, funktionieren die „Flüsterbänke“ als eine Art „Zeitkapsel“: Die zitierten und eingravierten historischen Spuren erschließen sich den Besucherinnen erst bei genauerem Hinsehen. Hier werden Stimmen und Gesten bewahrt, die selten in offizielle historische Erzählungen Einzug halten. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Wahl des Materials zu. Saalburger Rotmarmor ist eng mit repräsentativer Herrschaftsarchitektur, mit Palästen und Kirchen, aber auch mit der Architektur des Nationalsozialismus verbunden. Indem dieses historisch aufgeladene und mit institutionellem Prestige assoziierte Material Träger alltäglicher, widerständiger oder marginalisierter Stimmen wird, verschränken sich unterschiedliche Ebenen von Geschichte: die sichtbaren Zeichen von Macht und Repräsentation mit jenen Spuren, die „von unten“ kommen und erstere zugleich infrage stellen. Gerade diese Verbindung erscheint als besondere Stärke der Arbeit. Mit subtilen Mitteln setzt sie sich sowohl mit der Geschichte von Herrschaftsarchitektur und ihren Materialien als auch mit der Aufgabe eines historischen Museums auseinander, einer Vielfalt von Stimmen Ausdruck zu verleihen. Die reproduzierten historischen Spuren werden dabei nicht eindeutig ausgedeutet, sondern aufeinander bezogen und eröffnen einen Interpretationsraum.

Überzeugend ist zudem die kommunikative und partizipative Dimension des Entwurfs. Die geschwungene, nahezu kreisförmige Anordnung bringt Menschen miteinander ins Gespräch; zugleich werden die Besucher selbst zu Entdeckenden. Die Gravuren wollen gefunden, gelesen und entschlüsselt werden und fördern damit ein eigenständiges Erkunden. Daraus können sich weiterführende Gespräche entwickeln - etwa über die Auswahl der Graffiti, über Erinnerung, Widerstand und darüber, wessen Stimmen Eingang in historische Erzählungen finden.

Insgesamt erscheint der Entwurf als eine auf zurückhaltende - eben beiläufige - und zugleich präzise Weise gelungene Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und Repräsentation. Auch formal und in der vorgesehenen Ausführung wirken die „Flüsterbänke“ überzeugend und dem Ort angemessen. Nicht zuletzt ist die Museumsbank die vielleicht wichtigste Nebensache eines Museums: ein Ort des Verweilens, der Begegnung und des Gesprächs.

Die ergänzende Arbeit „22 Füße“, beı der historische Orte und Denkmäler zitiert werden, ist im Zeughaushof - vor allem aus inhaltlichen Gründen, aber auch aufgrund von Fluchtwegeregelungen bei Vermietungen - nicht realisierbar.

Der Vorschlag liegt im vorgegebenen Kostenrahmen. Aus denkmalfachlicher Sicht gibt es keine Bedenken.

Shannon Bool DHM II

Visualisierung: Shannon Bool