Via Lewandowsky

Licht-Haus

Hier brauchte ein Licht einen Schatten.– Virginia Woolf, Zum Leuchtturm, Teil 1, Kap. 10

Die Welt eines Klinikums ist ein hochkomplexes System. Hier treffen Menschen aus allen Altersgruppen und gesellschaftlichen Umfeldern aufeinander, die oft nur eine Sache verbindet: ein erlittener gesundheitlicher Schaden, Krankheit, ein schicksalhaftes Ereignis. In vielen Fällen ist es der Moment, der die meisten zwingt, eine neue Richtung einzuschlagen, sich neue Ziele und neue Routen zu erarbeiten. Das Klinikum wird für sie zum Ort der Hoffnung. Für manche ist es aber auch der Ort schmerzhafter Erkenntnisse und der Abschied vom Gewohnten, um auf eine Reise zu einem bislang unvorstellbaren neuen Leben aufzubrechen, das dann „the new normal“ wird.

Im Innenhof des Klinikums ist die Strenge der Gestaltung ein Teil der notwendigen Ordnung, aber auch ein Ort der Ruhe aus Respekt auf die angrenzenden Räume. Hier ist der Umgang mit dem Alltag nicht selbstverständlich. Der geschützte Raum zwischen den umgebenden Fassaden verharrt in Stille, in Abwesenheit vom Klinikalltag und seinen Abläufen.

Das Bild des Leuchtturms will ein in sich ruhendes Zeichen sein und macht dabei auf die unerläßliche Hilfe bei der Orientierung nach lebensverändernden Ereignissen aufmerksam. Es ist ein Bild, das nicht nur für die Betroffenen gilt, sondern auch für Angehörige und Wegbegleiter. Lebensläufe erhalten nicht selten einen Eintrag, der alle Koordinaten des In-der-Welt-seins neu bestimmt. Der Leuchtturm ist eine zuverlässige Konstante, die besonders in Krisensituationen ein sicheres Navigieren durch die Launen des Schicksals ermöglicht.

Ein Punkt, von dem Licht ausgeht und der dadurch Sichtbarkeit ermöglicht, auch wenn der Ausblick zunächst schlecht sein sollte. Nach dem archetypischen Muster der Architektur eines Leuchtturms entsteht eine Skulptur, die das Bild des Leuchtturms mit all seiner Geschichte und seinen Funktionen variiert und neu darstellt. Die Größe des Turme ist gegenüber dem Original deutlich reduziert, die modellhafte Verkleinerung rückt ihn in eine greifbare Nähe. Es ist ein Gegenstand mit einer figurenhaften Anmutung, mit einer spiegelnden Oberfläche. Vorhandenes Licht wird von der welligen Außenhaut reflektiert, löst die strenge Form auf und generiert eine Oberfläche in Bewegung. Diese erzeugt optische Zerrbilder wie flirrende Luftschichten. Innen und Außen gehen ineinander über.

Das Modell des Leuchtturms wird zur Schnittstelle zwischen Wirklichkeit und Abbild, zwischen Sehen und Einsehen, Ferne und Einkehr. Die Skulptur knüpft an die geplante Gestaltung an, steht zwischen den beiden „Himmelspiegeln“ im Mittelpunkt der vorgegebenen Sockelfläche. Die quadratische Grundform des Sockels paßt sich der achteckigen Grundfläche der Skulptur an.

Der Bau des Turms besteht aus einer Holzkonstruktion ähnlich einem Dachstuhl, auf der die leichten hochpolierten Edelstahlbleche aufmontiert werden. Dabei wird die Welligkeit des dünnen Edelstahlblechs ausgenutzt. Die handwerkliche Methode entspricht der Falztechnik in der Dachklempnerei, bei der die Falzung nach innen gelegt wird.

Beurteilung durch das Preisgericht

In der Skulptur „Licht-Haus" wird die Symbolik des Leuchtturms, der für Orientierung steht, besonders hervorgehoben. Die Art und Weise der Fertigung wurde als bemerkenswert empfunden (Holzkonstruktion mit Edelstahl-Blech-Beplankung).