Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

Lasse Müller - "Ohne Titel"

Konzept:

Die Arbeit entstand mitunter aus zwei mir m.M. entgegengesetzten Ansprüchen: Einerseits scheint mir die Wiederherstellung des bauzeitlichen Zustands schon selbst ein abgeschlossener künstl. bzw. gestaltender Akt (im Sinne der Reinterpretation, aber auch der Intention des ursprünglichen "Autors").
Andererseits sollte der Eingriff weder hinzugefügtes Kommentar als "Fremdkörper" sein, noch sich unterordnend als "Zugabe" funktionieren. Schon gar nicht aber kann er eine Ergänzung im Sinne einer Vollendung darstellen.

Aus diesem Grund ist die Arbeit auf eine Weise gestaltet, die den Betrachter auf verschiedenen Ebenen anspricht, die in der einen oder anderen Reihenfolge gesehen werden: Als "Bildobjekt" fügt sich die Arbeit in den Bereich des Erwartbaren ein, an der Stelle fast klassisch gehängt. Es nimmt durch die Symmetrie des Raumes und die große freie Wand und durch seine Ausführung als gerahmtes eine ihm zustehende Position ein.

Die Abbildung der Wand auf eben jener Wand und die Weiterführung der Sockellinie als "echte" auf die Bildfläche als abgebildete lässt das "Bildobjekt" noch mehr einfügen. Andererseits mag es auch andersherum geschehen: Die Abbildung der Wand auf eben jener Wand sorgt für etwas Verwirrung über das, was dort eigentlich gesehen wird. Die Sockellinie als "echte" hat einen merkwürdigen Bruch in ihrer Qualität und befindet sich erst einmal weniger in einem anderen Zustand (Abbild) als einfach hinter Glas.

Das klaffende Loch, das mehr oder weniger zentral demjenigen gegenübersteht, der den Raum betritt und auf das derjenige hinzugeht, die Treppe hoch, ist doch etwas weniger das, was "im Bereich des Erwartbaren" liegt und mag irritieren.

Wie auch immer die Abfolge sein mag;
nur ein Bild - warum Loch? / warum Loch? - nur ein Bild.
Ganz geklärt sind alle Fragen ja doch nicht.

Für denjenigen, der das Gebäude als "Ballistisches Amt" kennt, gibt es weitere Gedankengänge. Aber auch wer mit Architektur beschäftigt ist auf die eine oder andere Weise, mit Restauration oder Denkmalschutz, sieht sich vielleicht mal an, was das Photo zeigt: eben die Beschaffenheit der Wand,
Farbschichten oder nicht, Einschätzung freigelegter Baumaterialien. Oder auch eine aufkommende Neugierde bezüglich des aktuellen Zustandes der Wand hinter dem Bild.
Für mich persönlich sind neben den zu Anfang genannten breit aufgestellten Ansprüchen an die Arbeit in diesem Kontext auch wichtig: -Die Beobachtung der Oberflächlichkeit unserer Wahrnehmung in dem Sinne, dass wir nur Oberflächen sehen. Wenn ein Loch gemacht wird, dann sieht man kaum ins "eigentlich Innere" - vielmehr legen wir neue Oberflächen frei, die wieder dieses und jenes verraten - aber die Fassade verschiebt sich sozusagen bloß nach hinten. Die Entscheidung ein Loch zu machen und dieses durch die Photographie komplett glatt / sozusagen verschlossen darzustellen, kann einen Ansatz zu so gearteten Gedanken geben. - Der Prozess des Aufbaus, der Veränderung, Zerstörung und Wiederherstellung; die Widersprüche, die aufkommen mögen beim Vorhaben: Die Wand perfekt zumauern, grundieren, malen - und dann wieder einhauen. Und dann wieder Aufbauen. Ein hin und her, das für die Arbeit im kleinen Maßstab in Szene gesetzt wird, aber das ein grundlegendes Ding ist in Bezug auf Bauen / Gebäude / Architektur und ihre Geschichte. Unverständnis zu Fragen zu wandeln, die (wiederum) zu Sichtweisen führen ist für mich ein wertvoller Aspekt dieses Vorschlags.

Beurteilung durch das Preisgericht:

Zentral auf der Wand hängt eine große Fotografie, die offenbar genau die Stelle, an der sie hängt, abbildet. Die Fotografie schließt bündig an die Sockelmalerei an – mit einer Irritation: Sie zeigt ein Loch in der Wand. Ist dieses Loch womöglich hinter der Fotografie verborgen? Gab es das wirklich an dieser Stelle?Tatsächlich steht hinter der Aufnahme ein komplizierter Vorgang. Die ursprünglich vorhandenen Türen in dieser Wand wurden perfekt zugemauert und verputzt. Dann wurde diese Wand beschädigt, fotografiert und erneut wiederhergestellt. Dem/der Künstler/in geht es um den Prozess des Aufbaus, der Veränderung, Zerstörung und Wiederherstellung. Ein Prozess, der charakteristisch für die BImA ist. Die simple Fotografie fasst paradigmatisch wichtige Aufgaben der Behörde zusammen. Die verschiedenen historischen Schichten und Stadien, die den Standort in der Fasanenstraße kennzeichnen, schwingen in diesem Verfahren einer „geheilten Verletzung“ mit. Hinzu kommt, dass das Gebäude als Standort für das ehemalige „Ballistische Amt“ Assoziationen an Wunden zulässt. In der Jurydiskussion wurde dieser konzeptuelle Ansatz gewürdigt und in seiner klaren Umsetzung gelobt. Einige Stimmen fanden zwar den Gedanken der baulichen Beschädigung fast ein wenig zu trivial, konnten jedoch durch die Irritation im Prozess – wie ist es dazu gekommen? – dem Werk eine tiefere Bedeutung zusprechen. Insgesamt wurde die Einbettung in die bauliche Situation und die Hängung für ihre Präzision gelobt.

Lasse Müller Fasanenstraße

Visualisierung: Lasse Müller